Das Mädchen in der Kfz-Werkstatt

Unterrichtsprojekt: Melody und ihre Ängste vor dem Start in einer Männerdomäne / Nach acht Unterrichtswochen ist Filmdreh beendet.

Aus dem Gießener Anzeiger vom 09.04.2018 – Von Jasmin Mosel

GIESSEN – Melody hat Angst. In wenigen Wochen beginnt ihre Ausbildung zur Kfz-Mechanikerin. Doch was, wenn sie als Mädchen in dem männerdominierten Beruf nicht ernst genommen wird? Wenn sie nur Kaffee kochen und die Werkstatt putzen soll? Sich von Chef und Kollegen diskriminierende Sprüche gefallen lassen muss? Die Schülerin malt sich in Gedanken die schlimmsten Situationen aus. Melody heißt in Wirklichkeit Leonie und geht in die 8. Klasse der Ricarda-Huch-Schule. Die 15-Jährige spielt die Hauptrolle in dem einzigen Beitrag einer Gießener Schule im Videowettbewerb „Meine Ausbildung – Du führst Regie“ des Hessischen Rundfunks. Das Drehbuch zu „Das Mädchen in der Kfz-Werkstatt“ haben die Realschüler selbst geschrieben. Beim Filmdreh in einer echten Autowerkstatt geht es nicht nur um den Umgang mit Diskriminierung und Mobbing, sondern auch um Medienkompetenz.

Etwa acht Wochen hat Lehrerin Nadine Custer mit den Schülern im Arbeitslehre-Unterricht auf den Filmdreh hingearbeitet – von der Ideenfindung über Drehbuchschreiben bis hin zum Suchen einer Location, Einholen der Drehgenehmigungen und Besorgen der benötigten Technik und Requisiten. Ausbildung und Berufswünsche sind aktuelle Themen bei den Achtklässlern, bei denen bald das erste Praktikum Einblicke ins Arbeitsleben geben soll. „Es ist wichtig, sich frühzeitig im Unterricht mit dem Schreiben von Bewerbungen und dem Führen von Bewerbungsgesprächen zu beschäftigen, damit die Schüler auf dem Arbeitsmarkt gute Chancen haben“, erklärt Custer.

Neben praktischen Übungen und Frontalunterricht soll das Projekt zum Videowettbewerb die Schüler auch auf einer anderen Ebene dazu bewegen, sich mit dem Thema Arbeitssuche und Berufswahl auseinanderzusetzen. Die „Perspektive der Schüler, ihre Befindlichkeiten und Ängste, Träume und Wünsche“ sollen laut der Wettbewerbsbeschreibung des HR filmisch greifbar gemacht werden. Und das kommt bei den Schülern offensichtlich gut an, denn „Meine Ausbildung – Du führst Regie“ findet dieses Jahr bereits zum zehnten Mal statt.

Über 60 hessische Schulen und Projekte aus der freien Jugendarbeit haben sich für den Videowettbewerb angemeldet. Für die Ricarda-Huch-Schule ist das nicht nur eine Premiere, sie nimmt auch als einzige Gießener Schule teil. „Die Schüler waren sofort begeistert“, erinnert sich Lehrerin Nadine Custer. Einige sogar so sehr, dass sie sich außerhalb der Schulzeit weiter mit dem Projekt beschäftigen.

Der 15-jährige Tim wird etwa die Postproduktion übernehmen, den Film schneiden und vertonen. „Ich drehe in meiner Freizeit auch ‚Youtube‘-Videos,“ erklärt der Schüler, „nicht, um berühmt zu werden, sondern weil es mir einfach Spaß macht. Es ist mal was anderes, das Thema Film auch in der Schule zu behandeln.“ Dabei sind es nicht die ersten Dreharbeiten für die 8cR. „Wir haben auch schon mit Lego-Figuren einen ‚Stop-Motion Film‘ gedreht, erklärt Custer, „da haben die Schüler auch sofort das Zepter übernommen.“

Schnell habe sich bei der Ideenfindung herauskristallisiert, dass der Beitrag zum Videowettbewerb ein „Mädchenthema“ behandeln solle, erzählt die Lehrerin. Schließlich waren sexuelle Belästigung und Diskriminierung von Frauen zuletzt auch in den Medien große Themen, etwa in der „Me Too“ Debatte. Beim Drehbuchschreiben habe sie die Schüler fast ein wenig bremsen müssen, erinnert sich Custer, so vielfältig waren die Ideen, was Melody in ihrer Ausbildung alles widerfahren könnte. Der Wettbewerbsbeitrag darf aber die Länge von sieben Minuten nicht überschreiten. Die Dreharbeiten dauern hingegen deutlich länger. Bereits abgedreht wurden Szenen, in denen Hauptfigur Melody ihre Freundinnen um Rat fragt und ihre Ängste schildert. Eine Sofaecke in der Schulbibliothek wurde dafür kurzerhand zum Wohnzimmer umdekoriert. Kfz-Meister Rolf Günther stellte seinen Betrieb in der Steinstraße schließlich für den Werkstattdreh zu Verfügung. Auf dem Weg dorthin ist die Realschulklasse dann doch ein wenig aufgeregt. Sie haben immerhin nur etwa eine Stunde Zeit, dann müssen die Szenen im Kasten sein. Die Arbeitskleidung hat die Lehrerin besorgt, Camcorder und Stativ stammen von der Schule. „Das soll ich anziehen?“ fragt Leonie und lacht, als sie den „Blaumann“ sieht.

Für das Mädchen mit den langen blonden Haaren käme eine Ausbildung zur Kfz-Mechanikerin niemals in Betracht. „Ich will Erzieherin werden“, sagt sie bestimmt. Mehrmals muss vor Drehbeginn kontrolliert werden, ob das Styling noch stimmt. Während die Schauspieler ihren Text im Drehbuch nachlesen, ist Niklas an der Kamera mit der Wahl des richtigen Bildausschnitts beschäftigt. Als Mikrofon dient behelfsmäßig die Sprachaufnahmefunktion eines Handys.

In der ersten Szene wird Melody von ihrem Kollegen, gespielt von Mitschüler Isaiah, aufgefordert, die Werkstatt zu putzen, denn dafür sei sie als Frau ja schließlich zuständig. Paul hält eine imaginäre Filmklappe in die Kamera. Die Schüler haben sichtlich Spaß. Doch dann wird es für Melody alias Leonie richtig unangenehm: Tim, der ihren Chef spielt, soll sie bedrängen. „Ich kann sie doch nicht einfach so angrapschen“, ziert sich der Achtklässler. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten kann er das dann aber doch. „Es ist doch nicht ernst gemeint“, ermuntert ihn seine Mitschülerin. „Wenn Du übernommen werden willst, dann komm gleich in mein Büro“, raunt der Chef seiner Auszubildenden schließlich ins Ohr und umgreift dabei von hinten ihre Hüften. Melody bleibt fassungslos zurück. Endlich geschafft!

Nach zwei weiteren Szenen, in denen das Mädchen von männlichen Kollegen und Kunden gemobbt wird, ist der Dreh beendet. Aber wie würde Hauptdarstellerin Leonie reagieren, wenn ihr ein Vorgesetzter oder Kollege tatsächlich zu nah kommen würde? „Dem würde ich direkt eine scheuern“, sagt die Schülerin selbstbewusst. Angst um ihre Arbeitsstelle hätte sie nicht: „Ich bin mir wichtiger! Mädchen können es in einer Werkstatt genauso drauf haben wie Jungs und haben Respekt verdient.“ Ob die Schüler der 8cR mit „Das Mädchen in der Kfz-Werkstatt“ Chancen auf einen der vorderen Plätze im HR-Videowettbewerb haben, wird sich am 7. Juni entscheiden. Prämiert werden dann der beste Film, das beste Drehbuch, die beste schauspielerische Leistung und der beste Newcomer. Preise gibt es auch für Innovation und Inklusion. Eine Jugendjury wählt in allen Bereichen zuerst ihre drei Lieblingsfilme, bevor eine Fachjury endgültig entscheidet. Es winken Geld- und Sachpreise von über 16 000 Euro. Die 18 nominierten Filme werden außerdem ausgestrahlt. Vielleicht schaffen es die Gießener Schüler dann ins HR-Fernsehen…

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