Aus der Gießener Allgemeinen vom:
Text: Christine Steines
Bild: Redaktion / Schepp
Wer 1968 die Oberstufe eines Gymnasiums besuchte, bekam einiges mit von der neuen Zeit. Angela Gülle, Jahrgang 1953, erzählt, warum diese Ära so prägend für sie war. Bis heute.
Rechte Stimmungsmache im Seltersweg, im Internet, am Arbeitsplatz. Wie geht man damit um, wenn Flüchtlinge kriminalisiert oder Minderheiten diffamiert werden? Ignorieren, weil eine Auseinandersetzung nichts bringt? Oder seine Meinung sagen? Für Angela Gülle ist die Sache klar: »Laut und deutlich in die Schranken weisen, weghören funktioniert nicht«.
Dass die 64-Jährige das tut, kann sich jeder vorstellen, der sie kennt: Gülle saß lange Jahre für die Grünen im Stadtparlament. 2003 trat sie als OB-Kandidatin an und stieß die Idee an, die Landesgartenschau 2014 nach Gießen zu holen. Kurz nach der Wahl trat sie nach internen Querelen aus ihrer Partei aus.
Die Ingenieurin und Bauleiterin ist ein politischer Mensch, auch nach ihrem Abschied aus der Kommunalpolitik. »Das Bewusstsein legt man ja nicht ab«.
Die Anfänge für dieses politische Bewusstsein beginnen in der Schulzeit. An die Jahre in der Ricarda-Huch-Schule hat sie die besten Erinnerungen: Lernen ohne Druck, das Wecken von Wissbegier, ein respektvoller Umgang miteinander und ein solidarischer Klassenverband sind Stichworte. In der Zeit des Erwachsenwerdens seien Frauenfreundschaften entstanden, die noch heute hielten. »Ich verbiete Euch, zu gehorchen«, dieser Satz des damaligen Direktors Dr. Ernst Werner bringt den Zeitgeist und auch den Geist der Schule auf den Punkt. Die Einladung, eigenständig zu denken und Fragen zu stellen wurde von den meisten Schülerinnen (die Ricarda war damals noch ein reines Mädchengymnasium) gerne angenommen.
ICH VERBIETE EUCH, ZU GEHORCHEN
Ernst Werner, Schuldirektor
Einen deutlichen Kontrast dazu bildete die Stimmung zu Hause. Gülles Eltern stammen aus Berlin, aus einem Milieu des wohlhabenden Bildungsbürgertums. Doch es gab einen Bruch, über dessen Umstände in der Familie nie gesprochen wurde. Der Vater, Berufssoldat und Offizier der Wehrmacht, war nach dem Krieg zunächst in Gefangenschaft geraten, danach gelang es ihm nicht mehr richtig, Fuß zu fassen.
Anfang der 50er Jahre verließ die Familie ihre Heimatstadt. Warum genau, weiß Gülle bis heute nicht. Was geschah bei den Einsätzen des Vaters an der Front, welche Aufgaben hatte er? Und welche Haltung hatten die Eltern zum Nationalsozialismus? Darüber wurde nicht gesprochen. »Das war eine bleierne Atmosphäre des Schweigens«, erinnert sich die 64-Jährige.
Gießen wurde Heimat für Angela und ihre Schwester. Für die Eltern nicht. Sie erlebten einen sozialen Abstieg, von dem sie sich nicht wieder erholten. Eine kleine Mietwohnung, der Vater war als Möbelverkäufer tätig. Die Töchter wuchsen auf mit Literatur, klassischer Musik und christlich-konservativen Grundwerten – aber ohne Auseinandersetzung mit der jüngsten Geschichte oder Politik. Wie konnten Nationalsozialismus und Holocaust geschehen, wie konntet ihr das zulassen? Auf diese Fragen gab es keine Antworten, die Alten verweigerten sich den Jungen. Das war in vielen Familien so. Vielleicht hätte es später einen Austausch gegeben, doch der frühe Tod des Vaters verhinderte diese Chance. Die Tochter bedauert das bis heute.
Mutige Wegbereiter
Die zu Hause vermissten Diskussionen fanden in der Schule statt. Gülle lernte schnell und gut, zu ihrem Glück gab es immer Lehrer, die ihre rasche Auffassungsgabe und Begabung erkannten und förderten. Die wachen Ricarda-Huch-Schülerinnen von damals beobachteten nicht nur, was in ihrem Land geschah, sondern schauten auch über den Tellerrand: Rassenunruhen in den USA und der Vietnamkrieg empörten sie zutiefst. »Wir waren fassungslos über dieses sinnlose Morden und die Rolle der Amerikaner«. Zu Hause gingen Schüler und Studenten gegen die Notstandsgesetze auf die Straße, die sie als staatliche Einschränkung der Grundrechte ansahen.
MAN MUSS SEINE MEINUNG SAGEN.
WEGDUCKEN HAT NOCH NIE FUNKTIONIERT
Angela Gülle
Damals gab es die ersten Demonstrationen als Möglichkeit der Meinungsäußerung, Meinungsbildung und Einflussnahme. Auch für Gülle wurden sie obligatorisch: Als Schülerin, aber auch später als Studentin, Bürgerin und Kommunalpolitikerin war sie dabei, wenn es um wichtige gesellschaftliche und politische Fragen ging: Abrüstung, Frieden, Abtreibung, Atomenergie, Umweltschutz. Sie war dabei, aber sie ließ sich niemals vereinnahmen. »Ich bin immer meinen eigenen Weg gegangen«.
Auf 1968 und die Folgejahre blickt sie heute mit Dankbarkeit und Stolz zurück. Mit Dankbarkeit, weil auch sie davon profitiert hat, dass Chancengleichheit nicht nur postuliert, sondern auch in der Realität möglich war. »Es gab so viel Unterstützung, uns stand die Welt offen. Das ist für junge Leute heute viel schwieriger«. Mit Stolz, weil ihre Jahrgänge mutig den Weg bereitet haben für viele Errungenschaften unserer Zeit. Die Gesellschaft sei so viel bunter, offener und toleranter als früher.
Umso mehr erfüllen sie aktuelle Entwicklungen mit Sorge. Gülle will nicht, dass auch ihre Generation sich schuldig macht, wegducken kommt nicht in Frage. Und deshalb bekommen rechte Populisten von ihr eine klare Ansage – im Seltersweg und anderswo.

Bei Fragen und Problemen schreiben Sie mir eine Mail. Mein Name ist Olaf Dinkela, ich koordiniere die Öffentlichkeitsarbeit der RICARDA.
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