Ricarda-Huch-Schule wird zum Fahrrad-Vorbild

Gießen (chh). Der Keller der Ricarda-Huch-Schule erinnert an den Ausstellungsraum eines Fahrradgeschäfts. Über 40 hochwertige Mountainbikes und Dirtbikes stehen hier feinsäuberlich in Reih und Glied. »Das war nicht ich, die Schüler haben die Räder hier so ordentlich abgestellt«, sagt Björn Behrendt. Er ist nicht nur Biologie- und Sportlehrer, sondern auch einer von 19 Kolleginnen und Kollegen der Ricarda-Huch-Schule, die sich für den Einsatz mit den Bikes fortbilden lassen haben.

Aus der Gießener Allgemeinen Zeitung vom 20.06.2023. Text und Bild Oliver Schepp

Das Fahrradfahren soll an den Gießener Schulen einen größeren Stellenwert erhalten. Darauf wies Stadträtin Astrid Eibelshäuser nun bei einem Besuch der Ricarda-Huch-Schule hin. »Fahrradfahren hat im Sportunterricht der weiterführenden Schulen noch keine lange Tradition«, sagte Eibelshäuser. Dies solle sich ändern.

Seit 2022 stellt die Stadt Gießen jährlich ein Budget von 35 000 Euro für die Anschaffung von Fahrrädern und Material für Gießener Schulen zur Verfügung. Die Ricarda-Huch-Schule hat dadurch sechs Mountainbikes und zehn Dirtbikes erhalten, die Theodor-Litt-Schule elf Mountainbikes und das Landgraf-Ludwigs-Gymnasium vier Mountainbikes. Voraussetzung ist unter anderem, dass sich mindestens zwei Lehrkräfte über die Zentrale Fortbildungseinrichtung für Sportlehrkräfte des Landes Hessens qualifizieren lassen.

Mit 19 fortgebildeten Lehrerinnen und Lehrern hat die Ricarda-Huch-Schule diese Vorgabe mehr als erfüllt. »Es gibt keine Schule in Hessen, an der so viele Lehrer die Qualifikation absolviert haben«, lobte Florian Mayer von Bikepool Hessen. Der Verein unterstützt Schulen und Träger bei der Umsetzung ihrer Fahrradprojekte, außerdem hilft er bei der Anschaffung der Räder.

Die Ricarda-Huch-Schule ist schon länger eine sogenannte Bikeschool. Die AOK Hessen, das Hessische Kultusministerium der Verein Bikepool verleihen diese Auszeichnung an Schulen, die Fahrräder für Schüler anschaffen und das Fahren in den Unterricht integrieren. Schon vor der Unterstützung der Stadt hatte die Ricarda-Huch-Schule mit den Jahren einen Pool von über 30 Mountainbikes angeschafft.

Die Bikes werden in der achten Klasse im Sportunterricht, in AGs oder während Projektwochen eingesetzt. Auch eine Fahrradwerkstatt haben die fahrradaffinen Lehrer errichtet. »Hier können die Schüler auch ihre eigenen Räder mit professionellem Werkzeug reparieren«, sagt Behrendt.

Verweis auf Mobilitätswende

Schulleiter Peer Güßfeld ist von dem Projekt ebenfalls angetan. »Wir haben versucht, aus der Not eine Tugend zu machen. Unsere Not sind die fehlenden Sporthallenkapazitäten. Daher haben wir versucht, möglichst viele außerschulische Lernorte zu schaffen.« Mit dem Mountainbike sei das bestens möglich.

Wie wichtig die Beschäftigung mit Fahrrädern sei, hätten die Lehrer sehr schnell festgestellt. »Auch in der achten Klasse gibt es noch viele Schüler, die gar kein Fahrradfahren können«, betonte der Schulleiter. Das bestätigte auch Sportlehrer Behrendt. Gerade bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund sei das Problem zu beobachten, aber auch bei den anderen. »Viele haben noch nie ein funktionstüchtiges Fahrrad besessen.« Umso größer sei die Freude bei ihnen gewesen, als sie das erste Mal auf einem der modernen Bikes gesessen hätten.

Die Vertreter von Schule, Stadt und des Vereins Bikepool hatten sich auf dem Schulhof der Ricarda-Huch-Schule getroffen. Nur wenige Meter entfernt verläuft der Anlagenring, der künftig zwei Spuren nur für Fahrradfahrer aufweisen soll. »Wenn wir wollen, dass mehr Menschen das Fahrrad nutzen«, sagte Eibelshäuser mit Blick auf die Mobilitätswende, »ist es von besonderer Bedeutung, dass Kinder und Jugendliche die Räder auch verkehrssicher beherrschen.«

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