Im Rahmen der Kulturschultage war der bundesweit bekannte Buchautor Ahmad Mansour zu Gast an der Ricarda-Huch-Schule. Mit Blick auf seine Biografie forderte er mehr Begegnung und Empathie, um gegen Radikalisierung und Hass einzustehen.
Bildunterschrift: Ahmad Mansour im Gespräch mit Schülerinnen und Schülern der Ricarda-Huch-Schule. © Kays Al-Khanak
Personenschützer des Landeskriminalamts Berlin verirren sich selten in eine Schule – und noch seltener in eine Gießener Schule. Am Montag jedoch sind es mehrere breitschultrige Männer mit Knopf im Ohr, die in der Caféteria der Ricarda-Huch-Schule sitzen und die Blicke dabei ständig durch den Raum schweifen lassen. Sie begleiten Ahmad Mansour, einen Psychologen aus Berlin und politischen Kommentator in vielen Medien (siehe Kasten). Den Personenschutz benötigt der Muslim, weil er in seinen Büchern wie »Wie der politische Islam unsere Demokratie unterwandern will« oder »Generation Allah. Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen« scharfe Kritik am politischen Islam übt.
In der Ricarda-Huch-Schule geht es aber nicht um den Islam, sondern um die Biografie von Mansour. Anhand dieser will der Gast im Rahmen der Kulturschultage zeigen, warum Menschen empfänglich für Radikalisierungen jeder Art werden und was dagegen helfen könnte.
Hintergrund für die Einladung nach Gießen sind Hakenkreuz-Schmierereien, die jüngst rund um die kooperative Gesamtschule aufgetaucht seien, sagt Ricarda-Lehrer Sebastian Popovic. »Diesem Thema wollen wir offensiv begegnen.« Mansour spricht an diesem Montagmorgen nicht nur mit Schülerinnen und Schülern, sondern steht am Nachmittag Lehrkräften als Ansprechpartner für die Themen Extremismus, Antisemitismusprävention und Demokratieerziehung zu Verfügung.
Den 130 Jugendlichen der Jahrgangsstufe 9 schildert Mansour einen Lebensweg, der geprägt gewesen sei von Identitätskonflikten und einer Sinnsuche, seitdem er 1976 in einem arabischen Dorf in Israel geboren worden sei. Die Familie mit Wut auf Israel, religiös, habe ein hartes, bäuerliches Leben geführt. Bildung sei seine Chance auf ein besseres Leben gewesen. Weil er aber ein »Streber« gewesen sei, sei er oft gemobbt worden. Halt habe er in einer Koranschule gesucht, in der er zwar das Gefühl bekommen habe, dazuzugehören. Jedoch habe er sich in dieser Zeit radikalisiert, sei missionarisch und autoritär aufgetreten. Nicht nur gegenüber Juden, sondern besonders gegenüber anderen Muslimen.
Begegnungen als Mittel gegen Hass
Während seines Studiums in Tel Aviv habe er aber durch Begegnung gelernt, dass Muslime und Israelis Freunde werden könnten. »Die Menschen, die ich dort traf, entsprachen nicht meinen Vorurteilen. Mit jedem Tag wuchsen meine Zweifel und ich stellte meine Ideologie infrage.«
Mansour bietet den Jugendlichen einen Crash-Kurs in Neuerer Geschichte des Nahen Ostens: vom Osmanischen Reich über die von England und Frankreich mit dem Lineal gezogenen Nationalstaatsgrenzen ohne Rücksicht auf ethnische Strukturen bis zum Mord am Staatsoberhaupt Israels, Jitzchak Rabin, im Jahr 1995 durch einen israelischen Extremisten. Mit ihm sei der zusammen mit Palästinenser-Chef Jassir Arafat eingeleitete Friedensprozess vorerst gestorben. Seitdem gebe es auf israelischer und palästinensischer Seite Kräfte, die an einer Zwei-Staaten-Lösung kein Interesse hätten. »Dabei gibt es dort genug Platz für beide Völker.«
2004 in Deutschland angekommen, habe er sich erneut nicht zugehörig gefühlt – auch wegen Vorurteilen gegenüber Deutschen. Diese habe er erst ausräumen können, als er ihnen im Alltag begegnete.
Mit diesen Erfahrungen, sagt Mansour, sei er sicher nicht alleine: Viele Menschen treibe die Frage nach der eigenen Identität um, viele hätten das Gefühl, nur schwer Anschluss zu finden. Dies nutzten Radikale aus. Um aber nicht in die Hände von »Demokratiefeinden« zu geraten, brauche es Neugierde auf und Empathie für andere Menschen. »Begegnung ist das beste Mittel gegen Hass«, betont er. Deshalb habe er sich 2017 selbstständig gemacht und sich der Arbeit gegen Radikalisierung und Salafismus verschrieben. Zudem fordert er, die Medienkompetenz von jungen Menschen früh zu stärken, damit sie nicht auf »populistische Strategien von der AfD bis Donald Trump« hereinfielen.
Ahmad Mansour: Kritik und Ehrung
Ahmad Mansour ist in den Medien ein gefragter Gesprächspartner, aber nicht minder umstritten. Kritiker werfen ihm zum Beispiel vor, sich undifferenziert zu äußern – oder zu Themen, zu denen er keine Expertise besitze. So wie kürzlich, als er die Krawalle in einem Pariser Vorort nach einem tödlichen Polizeischuss auf einen 17-Jährigen als »Intifada« bezeichnete. Sebtasian Popovic, Lehrer an der Ricarda-Huch-Schule sagt, als er auf die Kritik angesprochen wird: Es gebe immer Befürworter und Gegner, wenn sich Menschen klar in der Öffentlichkeit äußerten. Aber alleine eine Tatsache spreche für die Expertise von Mansour: »Er hat für seinen Einsatz das Bundesverdienstkreuz am Bande erhalten.«

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