OUTDOOORKLASSE – Profilklassen – Übergang 4 nach 5

Text aus dem Gießener Anzeiger vom 04.11.2023

Frische zehn Grad zeigt das Thermometer am Halloween-Dienstag gegen 10 Uhr an. Mit dem Wind fühlt sich das noch kälter an. Hinzu kommt ein leichter Nieselregen. Den unangenehmen Bedingungen zum Trotz unterrichten zwei Lehrer der Ricarda-Huch-Schule ihre fünfte Klasse draußen. Nicht etwa auf dem Schulgelände, wo die warmen Räume direkt in der Nähe sind, sondern an den Hardtgärten – zumindest aber überdacht. Lange mollige Kleidung ist also angebracht, einen Ort zum Aufwärmen gibt es nicht. Doch anstatt zu jammern und zu bibbern, laufen die Schülerinnen und Schüler in der Pause lieber über das Gelände, halten sich durch Bewegung warm. Und auch während der Vorbereitung auf die anstehende Klassenarbeit bleiben nicht immer alle brav auf ihren Stühlen; wenn etwas unklar ist oder Hilfe gebraucht wird, stehen sie auf und laufen zu den Lehrern. Im Klassenzimmern würde vermutlich alles sitzend stattfinden. 

»Es macht super viel Spaß«

Seit Beginn des Schuljahres fahren Mathelehrer Simon Wingefeld und Biologielehrer Maximilian Benner mit ihrer Klasse jeden Dienstagmorgen von der Schule in der Innenstadt aus mit dem Bus zu dem Kinder- und Jugendbauernhof. Es gilt, den Jugendlichen neben den beiden klassischen Fächern auch beizubringen, »wie man einen Gemüsegarten anbaut, umgräbt, erntet und was sonst noch so anfällt«, erläutert Wingefeld im Gespräch mit dem Anzeiger. Denn genau dafür ist das Gelände, das durch die gemeinnützige Gesellschaft für Integration, Jugend und Berufsbildung (IJB) betrieben wird, vorgesehen. Auch die Wilhelm-Leuschner-Grundschule aus Heuchelheim kommt hin und wieder mit Gruppen, die vor Ort auf vielfältige Weise beschäftigt werden können – Schulunterricht eben mal anders. 

Die Resonanz sei bislang sehr gut. »Es macht super viel Spaß und ich bin von vielen Sachen positiv überrascht«, freut sich Wingefeld. »Die Pausen zum Beispiel sind immer ein Selbstläufer. Die ganze Klasse bewegt sich gemeinsam, erkundet das Gelände. Das passiert in der Schule nicht.«

Die Regelmäßigkeit, mit der die »Ricarda« dort auftritt, macht das Ganze zu einem Pilotprojekt. Inspiriert wurde Simon Wingefeld aus Skandinavien, wo solche Konzepte schon fest zum Schulalltag gehören. »Meine Schwester hat eine Zeit lang in Dänemark gearbeitet und mir davon berichtet. Als ich in Deutschland danach gesucht habe, bin ich in Ulm fündig geworden«, so der 34-Jährige. Daraufhin hat er an der dortigen Schule gemeinsam mit Maximilian Benner für zwei Tage gastiert und das Konzept dann dem Direktor der »Ricarda«, Peer Güßfeld, vorgestellt. Nun also erhalten die 24 Fünftklässlerinnen und Fünftklässler einmal pro Woche von 8.30 bis 12.15 Uhr ihren Unterricht im Freien.

Die »Outdoorklasse« haben sich die Schülerinnen und Schüler selbst ausgesucht. Sie ist Teil der Idee der zweiwöchentlichen »Profilstunden«, zu denen auch Musik, Theater, Kunst, Sport, Europa und Naturwissenschaften zählen. Vorgesehen sind diese für die Jahrgangsstufen fünf und sechs, doch noch steht ein Standort für das kommende Schuljahr nicht fest. »Der Vertrag mit der IJB gilt zunächst für dieses Schuljahr«, erklärt Wingefeld. »Ob er verlängert wird, wissen wir noch nicht. Denn es entstehen ja auch Mehrkosten für die Schule.« Immerhin unterrichten zwei Lehrer gleichzeitig eine Klasse. »Das muss auch sein«, weiß Benner. »Alleine wäre das hier nicht zu realisieren.« 

Geteilte Gruppe

Er lehrt die eine Hälfte Biologie, Wingefeld die andere Mathematik. Nach der etwa halbstündigen Pause wird getauscht. Doch die Fächer sind nicht in Stein gemeißelt. Wenn im nächsten Jahr die Outdoor-Stunden beispielsweise von Deutsch- oder Musiklehrkräften geleitet werden, stehen dementsprechend auch diese Fächer auf dem Lehrplan. Die Teilung der Gruppe ist dabei natürlich sowohl für die Kinder als auch für die Lehrenden von Vorteil.

Wichtige Stützen bei der Entwicklung der Idee seien das Schulverwaltungsamt und die Schulleitung, »die uns bei der Umsetzung toll unterstützt haben«, sagt Benner. Zudem habe »Bauhaus« mit einer Sachspende sehr geholfen. 

Um mehr über das Thema zu erfahren, lädt die Ricarda-Huch-Schule am 11. November sowie am 9. Dezember jeweils von 10 bis 13 Uhr zu »Ricarda informiert« auf dem Schulgelände ein, eine Art »Tag der offenen Tür«. Schwerpunkte bei diesen Informationstagen für Eltern und Kinder sind die Übergänge von den Klassen vier zu fünf sowie zehn zu elf. 

Noch steckt das Projekt Outdoorklasse in den Kinderschuhen. Das »Klassenzimmer« beispielsweise wurde von der Wilhelm-Leuschner-Schule gestaltet und darf von der »Ricarda« mitgenutzt werden, Schritt für Schritt wird das Konzept aber professionalisiert. Und auch eine kleine Fläche für einen Gemüsegarten ist schon reserviert. Wenn es soweit ist, wird den Kindern gezeigt, wie Gartenarbeit funktioniert. Das gesamte Schuljahr über sollen die Dienstage dafür genutzt werden – selbst   in den kalten Monaten. Maximilian Benner hat deshalb gleich noch ein persönliches Anliegen: »Wir brauchen hier unbedingt noch einen Wasserkocher.« Bei dem Wetter scheinen Kaffee und Tee noch viel wichtiger zu sein als ohnehin schon.

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