Aus der Gießener Allgemeinen vom 01.06.2025
Jugendliche sind bisweilen besonders anfällig für Extremismus. So geht man an der Ricarda-Huch-Schule damit um.
Gießen – Die Liebigschule steht wegen rechtsextremen Vorschlägen für ein Abi-Motto bundesweit in den Schlagzeilen. Peer Güßfeld, Schulleiter der Ricarda-Huch-Schule, betont, dass Extremismus an allen Schulen vorkommen kann. 2019 ermittelte zum Beispiel der Staatsschutz gegen einen islamistischen Gefährder an der Ricarda-Huch-Schule. Im Nachgang entstand die Idee, »proaktiv« gegen Extremismus vorzugehen. Vor Kurzem hat die Gesamtkonferenz der Schule ein Konzept zur Extremismusprävention verabschiedet. Besonders wichtig ist, dass die Schülerinnen und Schüler mit extremistischen Meinungen und Aussagen nicht alleine gelassen werden.
Sanktionen nur als letztes Mittel
Wie sollen Lehrer reagieren, wenn Schüler das »Z«-Symbol als Sympathiebekundung für den russischen Krieg zeichnen? Was tun, wenn Sätze wie »Israel, Sie meinen Palästina« oder »Hitler war doch Kommunist« im Unterricht fallen? Der erste Impuls sei oft, den Schüler zu bestrafen, sagt Lehrer Sebastian Popovic und fragt: »Aber was erreicht man damit?« Die Schüler werden mit der Aussage sich selbst überlassen; das sei ein schlechter Umgang mit der Situation, erklärt Popovic.
Stattdessen sei es wichtig, ins Gespräch zu gehen und erst einmal herauszufinden, wie der Schüler das überhaupt gemeint habe, sagt Popovic. Manchmal wollen Schüler mit kritischen Aussagen nur Aufmerksamkeit erregen, manchmal wolle ein Jugendlicher eine bestimmte Meinung und die Reaktion darauf erst einmal in der Schule »austesten«. Ein geschlossenes, extremistisches Weltbild muss da noch nicht vorliegen.
Lehrer will proaktiv mit Schülern umgehen
»Wir wollen proaktiv damit umgehen, was die Schüler zu uns mitbringen und sie zum Nachdenken anregen«, sagt Popovic und erklärt, wie die Schule in Zukunft vorgehen wird. Zunächst soll die unangemessene Äußerung als solche klar benannt werden. »Wir sagen, dass wir das hier nicht haben wollen und nicht akzeptieren werden.« In einem Einzelgespräch werde dem Schüler dann sein Verhalten gespiegelt, man biete ihm aber auch Unterstützung an. »Es ist ganz wichtig, dass wir dem Schüler einen Ausweg aus der Situation lassen.« Sanktionen seien immer das letzte Mittel.
Teil des Präventionskonzeptes ist es auch, dass die Lehrer sensibilisiert werden. »Alle Kollegen müssen in der Lage sein, ausgrenzendes Verhalten wahrzunehmen«, sagt Popovic. Mit dem Konzept bekommen die Lehrkräfte ein Werkzeug an die Hand, damit es an der Ricarda in Zukunft eine konsequente und auch konsistente Reaktion auf ausgrenzende oder extremistische Äußerungen von Schülern gibt.
Popovic und drei weitere Lehrer wurden dabei zu »Netzwerk-Lotsen« weitergebildet. Sie sind für Schüler und Lehrer da, um bei Fragen rund um das Thema politischer und religiöser Extremismus und wie damit umgegangen werden kann, zu helfen. Die »Netzwerk-Lotsen« stehen dazu im Austausch mit dem Innenministerium.
Prävention gibt es nicht zum Nulltarif
Die Schüler und Schülerinnen der Jahrgangsstufen fünf und elf sollen in Zukunft auch einen Projekttag machen, an dem sie sich mit Extremismus auseinandersetzen. Und für die Jahrgangsstufe acht würde die Ricarda-Huch-Schule gerne einen »Mindprevention-Kurs« anbieten. Der Kurs zur Demokratiestärkung wird von Ahmad Mansour angeboten. Mansour ist Autor und Experte für Extremismusprävention. Die Schule konnte den Kurs einmalig über das hessische Förderprogramm »Löwenstark« finanzieren. RHS-Schulleiter Güßfeld ist davon begeistert. Die Kursleiter seien authentische Personen, die auf Augenhöhe mit den Schülerinnen und Schülern kommunizieren. »Die sprechen eine Sprache, die die Schüler auch verstehen.«
Güßfeld will die Ricarda-Huch-Schule als Pilotschule in Hessen aufstellen, um diese Kurse in Kooperation mit dem Bildungsministerium, der Landeszentrale für politische Bildung und der Justus-Liebig-Universität anbieten zu können. »Sonst haben wir die Mittel dazu nicht«, erklärt der Schulleiter und sagt in Richtung Politik: »Gewalt- und Extremismusprävention gibt es nicht zum Nulltarif.«
Bildquelle – Lehrer Sebastian Popovic organisiert das Konzept zur Extremismusprävention an der Ricarda-Huch-Schule mit. Er und drei weitere Lehrkräfte stehen als »Netzwerk-Lotsen« dabei im Austausch mit dem Innenministerium. © Oliver Schepp

Bei Fragen und Problemen schreiben Sie mir eine Mail. Mein Name ist Olaf Dinkela, ich koordiniere die Öffentlichkeitsarbeit der RICARDA.
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