Die Erfahrungen wirken oft lange nach: In Wort, Schrift, mit Bewegung und im Darstellenden Spiel beschäftigen sich 75 Schüler aus Gießen in sieben Workshops mit dem Thema „Erinnern“. Aus dem Gießener Anzeiger vom 18.02.2026. Bild und Text: Enrico Schierer.
Gießen – Wie erinnern wir uns? Woran wollen und sollten wir uns erinnern? Was haben historische Ereignisse und Erzählungen mit der eigenen Lebenswelt zu tun – und an was und wie erinnert sich eine Gesellschaft kollektiv? Da sich ein solch fächerübergreifendes Thema nur bedingt mit Frontalunterricht vermitteln lässt, nutzten 75 Gießener Schülerinnen und Schüler und deren Lehrkräfte den theaterpädagogischen Thementag des Schultheater Netzwerks Marburg/Gießen: In sieben Workshops konnten sich die Teilnehmer im Jugend- und Kulturzentrum Jokus aktiv, kreativ und selbstwirksam mit dem „Erinnern“ auseinandersetzen – in Wort, Schrift, mit Bewegung und im Darstellenden Spiel. Die Resonanz war beachtlich.
Mit vier Klassen der Ricarda-Huch- und der Aliceschule war das Angebot vollständig ausgebucht. Vertreten waren die Jahrgänge 10 bis 13 aus der Erzieherinnenschule und Kurse aus den Fächern Deutsch, Ethik, Politik und Darstellendes Spiel. Während 2024/2025 das Motto „Demokratie und Grundrechte“ lautete, dreht sich diesmal alles rund ums „Erinnern“. Dabei ist es das Ziel des Formats, mittels ästhetischer Bildung neue Ausdrucksformen zu erproben und darüber hinaus einen demokratischen Begegnungsort mit Raum für Austausch zu erfahren.
Fragen von Zivilcourage und moralischer Haltung
Laut Hannah Dübbelde, die das Schultheater Netzwerk in Gießen koordiniert, eignet sich das Darstellende Spiel bestens dazu, neben selbstwirksamen Erfahrungen auch Demokratie- und Wertevermittlung zu leisten. Nina Hahn, die im Kultusministerium für den Bereich Kulturelle Bildung verantwortlich ist, sieht in dem Projekt einen vollen Erfolg: „Seit es das Schultheater Netzwerk gibt, sind die Anmeldungen von Lehrkräften hochgegangen.“ Sie unterstützt das Projekt unter anderem mit mehr Stunden für interessierte Lehrkräfte. 20 Anmeldungen von Klassen stünden pro Schuljahr zur Verfügung.
Mit den Workshops, die Inga Blix und Hannah Dübbelde organisieren, möchte das Netzwerk alle städtischen Schulen in Marburg und Gießen erreichen – von der Grund- bis zur Abendschule. Die Thementage sind jedoch für die 10. bis 13. Klassen konzipiert – was der Komplexität des „Stoffs“ geschuldet ist. Lisa Parise etwa konfrontierte ihre Workshopteilnehmer mit den letzten Tagen von Sophie Scholl. Dabei stand jedoch nicht die Wiedergabe der historischen Geschehnisse im Mittelpunkt, sondern die emotionale und ethische Beschäftigung mit Fragen von Zivilcourage, individueller Verantwortung und moralischer Haltung in einem totalitären System.
Bei Manon Böhm konnten die Schüler Gefühle und Erinnerungen mithilfe von theatralen Zugängen teilen, etwa in Form von Standbildern. Andere konnten bei einem Audiowalk mit Anton Fuchs „Erinnerungen aus einer spekulativen Zukunft“ hörbar machen. Dazu sollten die Schüler Sprachnachrichten kreieren: Wie könnte dieser Ort noch aussehen? Was fehlt? Was steht dort nicht mehr?
Sinnvolle Ergänzung zum klassischen Unterricht
Mit dem Jokus hat das Schultheater Netzwerk nun außerdem einen idealen Ort gefunden. Immerhin brauchen bis zu vier Schulklassen nicht nur Platz für sieben gleichzeitig stattfindende Workshops, sondern idealerweise auch eine Bühne. Das Jokus bietet all das und unterstützt das Projekt auch logistisch. Praktisch sei auch, dass in direkter Nachbarschaft die Gießen@Schule gGmbH sitzt, bei der die Trägerschaft liegt.
Schuldezernent Francesco Arman (SPD) sieht in den theaterpädagogischen Angeboten durch neue Zugänge und Erkenntnisse eine sinnvolle Ergänzung zum klassischen Unterricht: „Inhalte sollen hier nicht vermittelt werden. Es geht vielmehr darum, Erfahrungen zu schaffen und fächerübergreifenden Austausch zu ermöglichen.“ Und Hannah Dübbelde ergänzt: „Die Thementage wirken bei den Schülern nach.“ Das zeigte sich auch nach den Workshops. Eine Schülerin hatte einen Text über „Verborgene Erinnerungen“ verfasst, den sie zu ihrem nächsten Auftritt als Poetry-Slammerin mitnehmen möchte. Insgesamt lobten die Schüler eine „tolle Atmosphäre und Leitung“.

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