Diese Frage aus einem Besucherheft der Kriegsgräberstätte in Niederbronn-Les-Bains (Elsass) beschäftigte 41 Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 12 der Ricarda-Huch-Schule Gießen. Mit ihren Lehrerinnen Sarah Kraft (Leistungskurs Französisch), Denise Lehtisaari (LK Geschichte), Sylvia Jentsch-Dauzenroth und Mareike Scharke (beide LK Politik und Wirtschaft) fuhren sie drei Tage ins Elsass, um sich dort fächerübergreifend mit der wechselhaften deutsch-französischen Geschichte zu beschäftigen.
Die Kriegsgräberstätte in Niederbronn wird vom Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge (VDK) betreut. Dieser Verein wurde 1919, nach dem Ersten Weltkrieg, gegründet und hat zum Ziel nicht nur die Pflege der Kriegsgräber, sondern auch das Finden und das Identifizieren von Kriegstoten. Auch die Förderung von Studienfahrten und Bildungsarbeit zur NS-Diktatur gehören zu seinen Aufgaben, wovon auch die Ricarda-Huch-Schule profitieren darf. Der VDK hat deswegen Jugendbegegnungsstätten wie das Centre International Albert Schweitzer (CIAS) eingerichtet. Dieses liegt direkt neben dem Friedhof und bietet u.a. Workshops zu den Schicksalen von Gefallenen, nicht nur Soldaten, auch Zivilisten oder z.B. Widerstandskämpfer/innen. Die Mitarbeiter dieses Zentrums sammeln biografische Informationen (u.a. Briefe und Fotos, aber auch Sachquellen). Sie führten die Leistungskurse zunächst über den Friedhof und ließen die Schülerinnen und Schüler verschiedene Gräber finden, um die Systematik des Friedhofs und die Verschiedenheit der Opfer zu verdeutlichen. Viele tote Soldaten des Zweiten Weltkriegs waren etwa so alt wie die Schüler selbst, einer sogar erst 15 Jahre. Es erstaunte die Lernenden, dass hier auch zivile Opfer von Bombardierungen liegen – das jüngste Opfer erst zwei Jahre alt. Auch Gießener Soldaten liegen in Niederbronn.
Der zweite Tag der Studienfahrt begann mit einem Workshop zu Biographien, letzten Briefen von zum Tode verurteilten Widerstandskämpfern und den Besucherheften des Friedhofs. Die Einzelschicksale in deutscher und französischer Sprache waren interessant, weil sie die ganze Bandbreite von begeistertem Nationalsozialismus, Mitläufertum bis zur kritischen Distanz umfassten. Die „Malgré nous„ des Elsass waren gegen ihren Willen eingedeutscht und in die Wehrmacht eingezogen worden, als das Elsass 1940 Teil des Deutschen Reiches wurde. Sogar die Namen wurden eingedeutscht, aus einem Pierre wurde zum Beispiel ein Peter. Etwa 142.000 Elsässer und Bewohner des Département Moselle wurden zwangseingezogen, etwa 30.000 kehrten nicht lebend zurück.Die Besucherhefte des Friedhofs zeigen die immer noch aktuelle Brisanz des Themas Erinnerungskultur. Es finden sich immer wieder rechtsextreme Kommentare darin, die Verklärung der Gefallenen zu „unseren Helden“ – und direkt darunter erneut Kommentare, die sich kritisch zu Krieg und Fanatismus äußern. Dies ermöglichte eine Diskussion in einer großen Feedbackrunde am Ende der Arbeitsphasen. Für die Workshops besitzt man in Niederbronn Besucherhefte aus den letzten 30 Jahren, die aus vielen verschiedenen Kriegsgräberstätten des VDK stammen.
Am Nachmittag ging es in das ehemalige KZ Natzweiler-Struthof. Dort wurden von 1941- 1944 Gegner des Nationalsozialismus interniert und mussten Zwangsarbeit im Steinbruch leisten. Die Widerstandskämpfer stammten aus ganz Europa. Es waren fast 22.000, die sich hier zu Tode arbeiten sollten. Noch perfider waren pseudowissenschaftliche Experimente an den Gefangenen mit Fleckfieber, Hepatitis und Phosgen. Die Gräueltaten der deutschen Besatzer hinterließen tiefe Spuren und es war nachvollziehbar, weshalb man nach 1945 zunächst skeptisch allem Deutschen gegenüber war. Erst durch die europäische Idee von Frieden und Zusammenarbeit gelang es den Deutschen wieder, sich einen Platz neben den anderen Nationen zu erarbeiten. Zusammen mit Frankreich gelang es, die „Erbfeindschaft“ zu überwinden und zum „Motor“ Europas zu werden.

Um diese positive Perspektive als Ausklang der Studienfahrt zu nutzen, fuhren die Leistungskurse der Ricarda-Huch-Schule am letzten Tag nach Straßburg, wo sie das Europaparlament besichtigten. Dort sprachen die Lernenden über die Fraktionen und Länder des Europaparlaments, über die dort verwendeten Sprachen und wie Gesetze zwischen Europarat und Parlament verhandelt werden.
Bei herrlichem Wetter endete diese Fahrt mit dem Ausblick auf ein Europa, in welchem Verständigung und politische Zusammenarbeit hoffentlich Kriege in Zukunft verhindern können.
Denise Lehtisaari

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