Holocaustüberlebende Eva Szepesi in Ricarda-Huch-Schule: „Auschwitz hat mit Schweigen begonnen“

Aus der Gießener Allgemeinen vom 29.05.2026
Bild und Text Barbara Czernek

Die 93-jährige Auschwitz-Überlebende berichtet Schülern in Gießen von ihrer Deportation als 12-Jähriges Mädchen. 50 Jahre lang schwieg sie über ihre Erlebnisse – selbst vor ihren eigenen Kindern.

Gießen – Eva Szepesi, geboren 1932 in Budapest, gehört zu den Überlebenden des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau. Trotz ihres hohen Alters von 93 Jahren besucht sie immer noch Schulen und Institutionen, um über ihre Erlebnisse zu berichten. Am Mittwochnachmittag war sie Gast in der Ricarda-Huch-Schule und traf auf wissbegierige Schüler und Schülerinnen des 9. und 10. Jahrgangs, die sich zuvor mit dem Nationalsozialismus beschäftigt hatten. Ihnen berichtete sie von ihrem Leben vor, während und nach dem Holocaust. Der Besuch wurde von Christel Buseck, ehemalige Lehrerin der Schule und Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Gießen-Wetzlar, organisiert.

„Eine Zeitzeugin zu erleben ist von unschätzbarem Wert, denn es ist kaum vorstellbar, was Menschen anderen Menschen antun können“, sagte Schulleiter Peer Güßfeld zu Beginn.

Begleitet von ihrer Tochter Anita Schwarz betrat die rüstige Seniorin die Schulbibliothek, um anschließend mit fester, klarer Stimme aus ihrer Autobiografie „Ein Mädchen allein auf der Flucht. Ungarn-Slowakei-Polen“ ihre Geschichte vorzutragen, in der sie es nicht unerwähnt ließ, dass es neben den unvorstellbaren Quälereien auch einige Menschen gegeben hatte, die ihr geholfen haben. „Ich hatte mehrfach Glück gehabt.“ Im Anschluss daran beantworteten beide – Mutter und Tochter – mit Herzlichkeit und Ehrlichkeit die gestellten Fragen.

Mit „Ich hatte eine kurze, glückliche Kindheit“ begann sie. 1938, mit der Einführung der Nürnberger Rassegesetze, verschlimmerte sich nach und nach ihre Lage. 1944 besetzten die Deutschen Ungarn und es begannen die Deportationen. Ihre Mutter organisierte die Flucht der damals 12-jährigen Eva mit einer Tante nach Slowenien, indem sie sich Pässe von einer Nachbarin auslieh. Das Mädchen wurde an verschiedenen Orten von Helfern versteckt und dennoch mit einem der letzten Transporte nach Auschwitz-Birkenau geschickt. Dort wurde sie 1945 von sowjetischen Soldaten gefunden. Nach der Befreiung wurde sie gepflegt, um wieder zu Kräften zu kommen. Zurück in Budapest sei sie von ihrem Onkel, der ebenfalls überlebt hatte, aufgenommen worden, berichtete sie. Alle anderen Familienmitglieder sind ermordet worden, doch das erfuhr sie erst viel später. „Ich habe 70 Jahre lang gehofft und gewartet“, berichtete sie. Einmal sei sie gemeinsam mit ihrem Onkel zu dem Wohnhaus ihrer Eltern zurückgekehrt. „Das war kein schönes Erlebnis gewesen“, berichtet sie. Die Nachbarin, die ihr und ihrer Tante die Pässe für die Flucht geliehen hatte, öffnete die Wohnungstür mit den Worten: „Ich hätte nicht gedacht, dass überhaupt einer zurückkommt!“ Nicht einmal hereingebeten wurden sie. Später habe sie ihrem Onkel einige Fotografien der Familie zukommen lassen. „Das ist das Einzige, was mir von meiner Familie blieb.“

50 Jahre lang nicht gesprochen

„Meine Tante hat mich sofort wieder in die Schule geschickt“, erzählte sie. Nach der Schulzeit habe sie eine Lehre absolviert, geheiratet und ihre älteste Tochter bekommen. „Niemand hat über seine Erlebnisse in den Lagern gesprochen, auch mein Mann nicht, der ebenfalls ein Überlebender war. Wir wollten etwas aufbauen, vorangehen“, erzählte sie. Aus Scheu und vielleicht auch aus Scham habe niemand mit den zurückgekehrten Juden sprechen wollen, vermutete sie.

Ihr Mann wurde Vertreter der ungarischen Handelsgesellschaft, und als solcher wurde er 1953 nach Frankfurt entsandt. „Ich wollte eigentlich nicht nach Deutschland“, sagte sie rückblickend dazu. Sie ging dennoch mit und beide blieben, denn eine Rückkehr nach Ungarn nach der blutig verlaufenden Revolution 1956 war unmöglich. Ihre zweite Tochter wurde 1964 in Frankfurt geboren. Auch sie schilderte Ressentiments ihr gegenüber. „Als ich in den jüdischen Kindergarten und später in die jüdische Schule ging, stand ein Schutzmann davor, heute stehen Polizisten mit Maschinengewehren zur Bewachung vor den Einrichtungen. Das ist sehr traurig. Wir wollen das nicht“.

50 Jahre lang schwieg Szepesi über ihre Erlebnisse, wollte nicht darüber sprechen, selbst nicht mit ihren Kindern. 1995 besuchte sie die Gedenkfeier zur 50-jährigen Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, anschließend fand sie den Mut, ihre Geschichte öffentlich zu machen.

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